Theater:

ORLANDO

nach dem Roman von Virginia Woolf, übersetzt von Melanie Walz

HAUS ZWEI
Do. 22.Jun.2017 - 20:00 bis ca. 22:00
SCHAUSPIELHAUS

iCAL
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Welche Vielzahl an Erfahrungen sammelt ein Individuum im Laufe eines Lebens? Wie reich und vielgestaltig an Eindrücken und Erlebnissen ist das Dasein und wie viel aktives, kreatives Wirken kann die Lebensspanne eines Einzelnen umfassen? Es gibt wenige Figuren der Weltliteratur, deren Lebensreise eine größere Fülle zu bieten hat als Virginia Woolfs Orlando. Denn Orlando hat eben nicht nur ein Leben und eine Liebe, ist nicht in nur einem Körper und einer Kultur zu Hause, sondern lässt gleich mehrere grundverschiedene in einer Lebensgeschichte verschmelzen. Er beziehungsweise sie durchlebt im Verlauf von vier Jahrhunderten eine Vielzahl von Metamorphosen und Transformationen: Spielend und spielerisch werden die Grenzen von Zeit, Raum und sogar die zwischen den Geschlechtern aufgelöst. Virginia Woolfs berühmte Erzählung setzt in der Renaissance ein und begleitet die Titelfigur von der Jugend bei Hofe Elisabeths I. und Jakob I. von England über den Diplomatendienst in der Türkei, wo aus Lord Orlando eines Morgens Lady Orlando wird. Es folgt eine Zeit als Lebedame im aufklärerisch-aufgeräumten 18. und als Literatin im romantisch- sentimentalen 19. Jahrhundert, bis Orlando in Woolfs Gegenwart, der Moderne, anlangt. Zu ihrem vorläufigen Ende kommt die Geschichte exakt zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Romans selbst – am 11. Oktober 1928.
Mit Orlando schuf Virginia Woolf eine der wohl charismatischsten und schillerndsten Figuren der Literaturgeschichte. Aus einer schriftstellerischen Laune heraus setzte sie mit dieser fantastischen und doch wahrhaftigen Biografie ihrer langjährigen Freundin, Geliebten und Schriftsteller-Kollegin Vita Sackville-West ein literarisches Denkmal, das mit seiner wirkmächtigen, poetischen Sprache und seinen Reflexionen über das Dasein als Mensch und als Künstler*in seinesgleichen sucht. Der Roman ist halb witzige Parodie auf die Genres der Biografie und Geschichtsschreibung, halb philosophische Betrachtung über die Zeit und das Selbst, die Liebe und die Grenzen von Geschlechterrollen. Woolf destilliert in ihrem Werk mehr als 400 Jahre europäischer Kulturgeschichte zu einer einzigen Vita. Denn jedes Individuum, so war sich Woolf sicher, hat in einem viele Leben und Alter-Egos, greift täglich zu unendlich vielen Verkleidungen und Rollen. Mit „Orlando“ reißt sie so leidenschaftlich wie humorvoll eine Debatte über Identitätskonstruktion, klassische Rollenbilder und die Möglichkeiten und Schwierigkeiten der Selbstfindung an.